Das kindliche Gestalten vom Kritzeln bis zum Malen

Die Entwicklungsstufen

Das Kind durchläuft eine Reihe von Stufen, wobei man von "Entwicklungsstufen bildnerischen Gestaltens" spricht. Dies bedeutet, dass Kinder in verschiedenen Phasen bestimmte bildnerische Ordnungen verwenden, die ihre Zeichnungen für den Erwachsenen ablesbar und vergleichbar machen.
Alle Kinder durchlaufen dieses Modell der Entwicklung in ähnlicher Weise, was aber nicht bedeutet, dass das Kind jede einzelne Stufe tangieren wird. Manche Kinder überspringen eine Stufe, manche Stufen dauern mal länger, mal kürzer. Außerdem lässt sich keine dieser Stufen fest mit einem Alter verbinden. Das bedeutet, dass Eltern oder ErzieherInnen nicht beunruhigt sein müssen, wenn bei einem Kind eine bestimmte Stufe des folgenden Modells nicht eintritt.
Diese Entwicklung ist auch keine Entfaltung vom Schlechten zum Guten. Es ist also keine Qualitätsleiter, sondern jedes Kind drückt sich im jeweiligen Stadium angemessen aus. Diese Entwicklungsreihe bedeutet also nichts anderes, als dass das Kind einen neuen Bewusstseinsstand erreicht hat, auf dem es nun versucht, dafür Sinnzeichen zu setzen, und seine Welt und sein Umweltverständnis bildhaft zu machen. Die Darstellung dieser Entwicklung soll also eine Hilfe sein, die Zeichnung in sich besser zu verstehen und vielleicht auch manche Gründe zu erkennen, warum Kinder so zeichnen.

Das dreijährige Kind

Kritzelstufe

Wenn Kinder Wände und Möbel vollzeichnen, ist dies ein Signal, ihnen allerschnellstens sehr viel Mal- und Zeichenmaterial zu geben. Diese Phase nennt man "Kritzelstufe". Das Kind erprobt seine technischen Entdeckungen bis an die Grenzen des Materials. Aus dem ganzen Arm heraus bringt es Schwünge auf das Papier, die aussehen wie wirre Knäuel. Noch ist es eine grobmotorische Bewegung aus dem Schultergelenk heraus und wird oft mit lustbetonten Geräuschen begleitet. Es sieht so aus, als würde das Kind umrühren, und man spricht von "Schwungkritzeln". Der Stift wird auch mit voller Wucht auf das Papier geschlagen, wobei Punkte und Löcher entstehen. Hierbei untersucht das Kind die Möglichkeiten des Stiftes. Das Hauen auf das Papier nennt man "Hiebkritzeln". Manche Kinder tun dies ganz intensiv und die so abreagierte Bewegungsfreude trainiert das Kind. Mehr und mehr gehorcht die Spur dann dem eigenen Willen. Dann spürt man das Bemühen, in bestimmten Bewegungsabläufen zu bleiben. Eine Bewegung wird begonnen, gegenläufig zurückgeführt usw., es entsteht ein "Zickzackkritzeln", das deutlich den eigenen Willen verrät, gerade diese Bewegung auszuführen. Oft fällt diese Kritzelstufe mit dem Trotzalter zusammen, dem ersten Versuch, sich willentlich durchzusetzen. Aus Kombinationen vom Schwung-, Hieb- und Zickzackkritzeln können große, temperamentvolle Blätter entstehen, die ein Spiegel des Temperaments und Einsatz des Kindes sind.

Sinnunterlegtes Kritzeln

Ist das Blatt eines Kindes mit unterschiedlichen Schwüngen und Farben bedeckt und das Kind sagt: "Das ist die Mama!", unterscheidet sich diese Kritzelei rein Äußerlich nicht von dem vorab Beschriebenen. Doch hier ist das Kind in eine ganz wichtige neue Phase getreten. Zeigte das Kritzeln bisher einen willkürlichen Bewegungsvorgang ohne tiefere Bedeutung, so hat das Kind jetzt Distanz zu seinem Produkt. Es ist nicht mehr nur der Vorgang des Treibens oder Zeichnens mit dem Stift wichtig, sondern das Endprodukt. Dabei benennt das Kind dieses Endprodukt nach etwas, das es gerade sieht oder an das es gerade denkt. Beim "sinnunterlegenen Kritzeln" ist die Benennung noch nicht ganz festgelegt, kann sich auch nach ein paar Sekunden wieder ändern. Es werden auch manchmal zum Gekritzel Geräusche nachgeahmt, die das Gemalte von sich gibt, wie zum Beispiel ein Auto, eine Eisenbahn usw. ...

Die ersten bildnerischen Formen

Irgendwann fängt das Kind an, isolierte Formen zu zeichnen. Es fällt ihm noch schwer, weil die Feinmotorik der Hand noch nicht ganz dem Willen des Kindes entspricht. Meist tauchen zuerst Kreise auf, die wie langgezogene Schläuche wirken oder Ovale, die noch wackelig sind. Doch man kann sehen, wie das Kind an einer Stelle begonnen hat, um eine Innenform herumzeichnet und mit dem Stift wieder den Ausgangspunkt seiner Linie sucht. Geometrisch verstanden ist dies kein Kreis, denn das Kind meint nicht den Kreis als Linie, sondern als Inhalt, als Gestalt. Das Kind meint, "es ist etwas darin" und so finden sich Namen wie "Rad", "Sonne", später "Mann" oder "Fritz". Damit ist der Kreis zur Wesensgestalt für etwas Gemeintes geworden, mit dem das Kind etwas sagen bzw. einer Vorstellung Gestalt verleihen möchte. Nach dem Kreis entsteht das Kreuz. Zwei lange gerade Striche, oft von Blattrand zu Blattrand gezogen, kreuzen sich. Vom Kind werden diese Striche "Kreuz" oder auch "Baum" genannt, eine Urform, an der das Aufstrebende des Stammes und das Wegstrebende der Äste deutlich wird. Es ist die "Trennung an sich". Der rechte Winkel ist die größtmögliche Richtungsunterscheidung. Das Kind hat viel an zeichnerischer Sicherheit gewonnen und strebt klare, geometrisch geordnete Gebilde an. Das Kind benutzt bildnerische Ordnungen. Das wird besonders deutlich, wenn ein Kind mit drei oder vier Jahren einen Baum zeichnet: ein senkrechter Strich bezeichnet den Stamm. Parallel kreuzen ihm sorgsam viele kurze Striche im rechten Winkel, die die Äste darstellen. Hier wird ein Ordnungsprinzip der Kinderzeichnung deutlich, indem das Kind versucht, Dinge, die voneinander abstehen, möglichst klar zu trennen. Man begegnet immer wieder dem rechten Winkel, den das Kind verwendet, um Trennung zu verdeutlichen. So ist die Darstellung des Baumes zu verstehen: der Stamm, von dem die Äste wegstehen, bedeutet im Ordnungsprinzip: Senkrechte und viele Waagerechte. Erst später stehen die Äste in einem natürlichen Winkel zum Stamm. Mit diesen beiden Zeichen kann das Kind schon erstaunlich viel formulieren: ein Zeichen von "Inhalt" (Kreis) und ein Zeichen von "Trennung" (Kreuz). Daraus entstehen Formen für alle möglichen Dinge seiner Umgebung, zum Beispiel den Menschen.

Der "Kopffüßler"

Diese Erscheinungsform ist ein Gebilde für den Menschen, der aussieht wie ein "Kopffüßler". Aus einem Kreis mit mehr oder weniger geordnetem Gekritzel wachsen rechts und links Striche heraus -die Arme- und unten am Kreis sitzen die beiden Beine. Das Kind meint mit dem Kreis die Gesamtgestalt des Menschen. Vom "Kopffüßler" gibt es viele Übergangsformen und Abarten. Oft sind Kopf und Beine zu einer Form verschmolzen oder Arme und Beine sind in merkwürdiger Weise untereinander verbunden. Je klarer dem Kind einzelne Funktionen des Gesichtes werden, desto deutlicher wird das Gekritzel im Kreis. Es entstehen Gesichtszüge: Nase, Mund, Augen durch Kreise, Zickzacklinien für Haare, oft fehlen die Ohren. Will das Kind etwas Zusätzliches andeuten, so tut es dies durch Zickzackkritzeln oder kleine Kreiskritzeleien an der betreffenden Stelle. Es bedeutet für das Kind, dass es da noch irgendetwas gibt und ihm wird nach und nach klar, dass von der Hand Finger weggehen und vom Fuß Zehen. Allmählich empfindet das Kind auch seinen Körper, es weiß zum Beispiel, dass es einen Bauch hat. Lösungen in seinen Zeichnungen findet das Kind, indem es Punkte oder weitere Kreise macht, zum Beispiel indem zwischen den Beinen ein weiterer Kreis als Bauch gemalt wird. Allmählich entsteht so die Darstellung des "ganzen" Menschen. Mit diesem Zeichenrepertoire kann das Kind jetzt erste Sinnzeichen für Tiere und Pflanzen entwickeln.

Das Auto

Es ist ein großer Eindruck für Kinder: ein kleines Auto mit Türen, Fenstern und Bänken, das fährt und Lärm macht. Aus einem "Urkreis" findet sich die Formung für solch ein Auto. Ein anderer Kreis danebengesetzt bedeutet die Urfunktion des Fahrens. Diese Kreise werden manchmal noch durch einen Bogen zusammengehalten (Karosserie). Aus solch einfachen Formen zeichnen Kinder Dinge aus ihrer Umgebung, die sie beeindrucken.

Das vierjährige Kind

Der Mensch

Er ist und bleibt das Hauptthema des vierjährigen Kindes, und aus dem "Kopffüßler" hat sich bald die Darstellung des ganzen Menschen entwickelt. Dabei bleibt die Form des Kreises für die Gestalt erhalten, ein weiterer Kreis bezeichnet den Kopf. Das Kind bezeichnet den Bauch, indem es häufig damit den Mittelpunkt des Kreises bezeichnet. Vom Kopf stehen Haare, vom Körper Arme und Beine weg. Ein Strich als Hals verbindet den Kopf mit dem Körper. Durch das Schema, welches das Kind für den Menschen entwickelt hat, zeichnet es Mann, Frau, Junge oder Mädchen gleich. Diese Phase kann sehr lange anhalten, genauso wie andere und ist eine wichtige Zeit, in der das Kind in seiner Ausdrucksmöglichkeit sicher wird. Deshalb sollte man als Eltern oder ErzieherIn auch nicht ungeduldig werden, denn so eine Phase kann sich auch ganz schnell ändern. Je klarer den Kindern wird, dass es unterschiedliche Geschlechter gibt und wodurch sie sich unterscheiden, desto mehr versuchen sie, das Männliche und Weibliche zu kennzeichnen. Mädchen und Frauen werden mit einem Dreieck als Kleid (statt dem früheren Kreis) gezeichnet, Jungen und Männer mit einem Rechteck als Körper (statt Kreis). Dies ist ein weiteres charakteristisches Ordnungsprinzip der Kinderzeichnung. Die Proportionierung in Kinderzeichnungen ist auch sehr eigenwillig: alles für das Kind Wichtige wird groß gezeichnet, das Nebensächliche klein. Wenn zum Beispiel ein Mann einen anderen fangen soll, erhält er lange Arme, der andere lange Beine zum Flüchten.

Die Umgebung des Kindes

Wie für den Menschen findet das Kind nun auch Sinnzeichen für Tiere, Pflanzen, Spielzeug, Häuser, Fahrzeuge usw... Es setzt komplizierte Dinge aus Formen zusammen. Tiere zum Beispiel unterscheiden sich von Menschen nur dadurch, dass sie nicht aufrecht gehen, sondern sich in der Waagerechten befinden und viele Beine haben. Auch Vögel und Fische haben anfangs viele Beine, erst allmählich spezialisiert sich das Aussehen der Tiere und differenziert sich von dem Menschen. Dann bekommen Tiere Schnäbel, Hörner, Ohren, Euter, Krallen, Flügel usw., wobei meist noch das menschliche Gesicht erhalten bleibt (selbst beim Schulkind).

Das fünfjährige Kind

Schon das vierjährige Kind bringt Zeichen auf seinem Blatt in Zusammenhang, wie zum Beispiel "Mann und Auto". Das Bestreben, Situationen in der Zeichnung zu schildern, setzt sich nun in verstärktem Masse fort. Das Kind schildert mit erzählerischer Freude Erlebnisse aus der Umgebung, zum Beispiel von der Feuerwehr, die eine Katze vom Dach holt oder von dem Nachbarshund, der eine Wurst isst usw... Alles, was sich für das Kind an Besonderheiten ereignet hat, wird auf das Blatt gebracht. Aus der menschlichen Grundfigur (ursprünglich aus zwei Kreisen mit Armen und Beinen) werden Frau, Mann und Kind mit eindeutiger Kleidung. Das Bestreben, in klaren geometrischen Formen zu gestalten, wird jetzt noch deutlicher, denn die Kleider setzen sich aus Dreieck, Quadrat und Rechteck zusammen. Arme und Beine, die anfangs schmale Striche waren, werden nun zu schmalen Rechtecken. Bisher wurde der Mensch von vorn gezeichnet, jetzt zeigen sich die ersten Profilansichten, wobei Kindern der Übergang zunächst sehr schwer fällt. So kommen Grenzlösungen zustande, zum Beispiel ein Vollgesicht (wie in der Frontalansicht) mit einer zusätzlichen Nase zur Seite, die das Profil deutlich machen soll.

Das Standlinienbild

Ursprünglich hat das Kind auf seinem Blatt da gemalt, wo Platz war (Streubilder). Nun taucht ein Darstellungsproblem auf. Sobald die Dinge in einem inneren Zusammenhang treten, muss sich das Kind einen geordneten Bildraum für seine Darstellungen schaffen. Das Gefühl für Raum entwickelt das Kind früh. Zum Beispiel setzt der Laufstall dem Bewegungsdrang des Kindes Grenzen, die geschlossene Tür sperrt es ins Zimmer. Im Sandkasten zieht das Kind schon mit einem Stock die Grenzen für seinen Raum in den Sand. Ein Kind zeichnet sich mitten auf ein leeres Blatt und sagt: "Das bin ich in meinem Zimmer". Der Blattrand begrenzt dadurch das Zimmer. Ebenso baut es um sich ein Auto, darum eine Garage usw... Das Kind ordnet "oben" und "unten". Alles, was steht, sitzt, läuft etc. befindet sich auf dem Boden, der parallel zum unteren Blattrand mit einem Strich gezeichnet wird. Darum spricht man auch von "Standlinienbildern". Auch der obere Blattrand hat seine Funktion: hier ist der Himmel, der ebenfalls oft durch eine parallele Linie zum oberen Blattrand bezeichnet wird. Zwischen diesen beiden Grenzen spielt sich das Leben ab. Der Bereich direkt unter der Himmelslinie ist den fliegenden Dingen wie Wolken, Vögeln, Sonne oder Flugzeugen zugedacht. Der Hintergrund bleibt normalerweise frei mit der Begründung "Das ist Luft".

Die additive Darstellung

Ein Kind beobachtet zum Beispiel den Nachbarn, der auf einer Leiter steht und Äpfel erntet. Dabei hat es Schwierigkeiten, diese Beobachtung auf sein Blatt zu bekommen. Denn die Überschneidungen, die entstehen, wenn der Mann die Leiter teilweise verdeckt und Mann und Leiter den Baum, kann das Kind nicht darstellen. So malt es Mann, Leiter und Baum nebeneinander.

Das schulreife Kind

Grundsätzlich unterscheidet sich die Zeichnung des schulreifen Kindes nicht von der des Kindes in den ersten Grundschuljahren. Sie wird nur zunehmend detaillierter. Dem Kind genügt nicht mehr die Linie, um einen Gegenstand zu umreißen, es setzt sich mit den Dingen nun auch verstandesmäßig auseinander. Es erfährt Einzelheiten über den Sinn und Zweck, aber auch das Aussehen. Das Kind interessiert sich nun auch für die Oberfläche. Kleider zum Beispiel erhalten ornamentale Verzierungen mit Punkten, Zickzack und Wellenlinien. Schraffierungen und Strichkreuzungen werden zu Mustern.

Die Simultanperspektive

Je umfangreicher und gestaltiger die Bildthemen werden, umso deutlicher stellt sich für das Kind die Frage, wie es dies alles auf sein Bild bringen soll. Ein Kind malt einen Wagen, bei dem zwei Räder unten und zwei oben sind oder einen Tisch, bei dem vier Beine nach verschiedenen Seiten gezeichnet sind. Das Kind hat durch diese Darstellungsform die Möglichkeit, Dinge viel wesentlicher zu zeichnen als ein Erwachsener, der die Objekte von einer Stelle aus und nur von außen betrachtet. Dies wird auch beim nächsten Gestaltungsprinzip deutlich.

Das Röntgenbild

Beispiel: Ein Kind zeichnet sich mit lauter Kreisen im Bauch und erklärt, dass dies die Knödel sind, die es gegessen hat. Oder: Ein Kind zeichnet einen Einkaufskorb, bei dem man den gesamten Inhalt wie zum Beispiel Äpfel, Brot, Bananen sehen kann, als sei der Korb aus Glas.

Das Flächenbild

Trotz aller Einzelentscheidungen bleibt das Problem der Raumaufteilung. Sobald so viele Dinge dargestellt werden, dass sie auf der "Standlinie" keinen Platz mehr finden, erfindet das Kind neue, meist unsichtbare Standlinien, parallel zum unteren Blattrand. Die Gegenstände werden übereinander gezeichnet, obwohl sie zum Teil hintereinander liegen. Man spricht deshalb vom "Flächenbild". Hier gibt es noch die Erscheinung der "Umklappung". Beispiel: Ein Kind zeichnet eine Strasse als breites Band von oben nach unten, sowie die beiden Straßenhälften mit einer durchbrochenen Linie (Straßenstriche). Auf seiner Strasse sollen viele Autos fahren, die es nun eigentlich von oben zeichnen müsste. Doch es dreht das Blatt um, die Seitenbegrenzung der Strasse ist nun seine Standlinie und auf ihr fahren die Autos. Für die andere Fahrbahnseite dreht es sein Blatt wieder um und malt auf der anderen Standlinie. Dadurch entsteht das sogenannte "Klappbild".

Das Kind in den ersten Schuljahren

Das Kind hat jetzt die Möglichkeit, sich differenziert auszudrücken. Dabei ist die Anregung durch die Lehrkraft notwendig. Eine sichtbare Veränderung ist dann beispielsweise, dass das Kind neben einem differenzierten Raumgefühl das Bewusstsein von der Körperlichkeit einzelner Gegenstände in der Zeichnung sichtbar macht. Es tauchen auch die ersten Überschneidungen auf, d.h. das Kind unterscheidet "davor" und "dahinter". Dadurch werden bei größeren Raumdarstellungen erste Horizonte sichtbar. Das Kind sieht dann auch schon oft den Raum in der Schrägansicht.

Kind und Farbe

Das Farbensehen und vor allem das Farbenerkennen und -benennen bilden sich sehr langsam aus. Ein Kleinkind unterscheidet zuerst zwischen hell und dunkel. Jede Farberscheinung wird übersetzt wie bei einer Schwarzweißphotographie. Die ersten Farben, die bewusst wahrgenommen werden, sind fast immer Rot und Purpurviolett. Die anderen folgen nach und nach, als nächstes Gelb, Rosa, Ultramarineblau, Goldorange usw. . Das Kind erkennt zuerst die warmen Farben, dann die kalten. Das muss man beachten, wenn man die Verwendung der Farbe im Vorschulalter recht beurteilen will. Das bedeutet jedoch nicht, dass Kinder nicht vorher schon auf Farben reagieren und einen gefühlsmäßigen Bezug zu ihnen haben. Sie bevorzugen auch beim Malen schon bestimmte Farben und setzen sie bewusst ein. Doch das Benennen und Wiedererkennen der Farben setzen einen Entwicklungsprozess voraus, der eine Reihe von Jahren dauert.

Lustbetontes Klecksen

Ein Kind in der "Kritzelstufe" nimmt wahllos die nächstliegende Farbe und achtet nicht bewusst darauf, dass sie sich von anderen unterscheidet. Das Kind braucht in dieser Stufe nur ein Ger"t, das die Bewegungsspur sichtbar macht. Beim "sinnunterlegten Kritzeln" kann man dann beobachten, dass abwechselnd unterschiedliche Farben benutzt werden, die das Kind ganz bewusst aus der Schachtel mit den Farbkreiden nimmt. Vor allem wenn die Farbe flüssig ist, gibt sich das Kind in diesem Alter gerne dem lustbetonten Klecksen und Schmieren hin. Auch Kinder, deren Zeichnungen längst Differenzierungen aufweisen, geben sich dem Klecksen hin. Dieses Malen ist jedoch nicht unsinnig, weil das Kind Materialerfahrungen sammelt. Es spürt, wie die Farben miteinander kämpfen und ineinanderfließen. Es macht vielleicht auch schon die meisten Entdeckungen, indem es beobachtet, dass die Farben sich verändern, wenn sie sich vermischen.

Die Nennfunktion der Farbe

Das Kind verwendet Farben auf zwei verschiedene Arten. Es geht entweder vom Farbfleck aus, an den weitere Farbflecke gesetzt werden, oder es zeichnet mit Farbe - mit einem Stift. Dabei erhalten manche Farben eine Nennfunktion. Grün ist die Wiese, Blau der Himmel, Rot steht für das Dach. Der grüne Strich unten und der blaue oben markieren den Bildraum. Die Farben, die dazwischen verwendet werden, hängen vom Temperament und dem Vorleben des Kindes ab. Manche Kinder verwenden lieber bunte Farben, andere eher zarte und tonige. Das kann aber auch abwechseln und das Kind verwendet sie frei. Die Eigenfarbe des Gemalten wird dabei jedoch nicht beachtet. Da gibt es blaue Gesichter, orangefarbene Augen, grüne Hände usw. ... Das Kind wählt dabei meist homogene oder kontrastierende Farben. Durch seine eigenwillige Farbwahl hat es die Möglichkeit, was es meint, im Ausdruck zu steigern oder deutlicher zu machen. Ein Kind, das einen Pinsel wie einen Stift, also zeichnerisch, verwendet, ist selten von einem direkten Farberleben bestimmt. Hier erscheint die Farbe nur als Umriss. Augen, Nase, Mund usw. werden hineingesetzt. Dies ist das analytische Malen, bei dem die Details stärker interessieren und die Innendifferenzierung im Vordergrund steht. Es gibt aber auch Kinder, die bewusst Farben wählen, die "richtig" sind, zum Beispiel ein Gesicht mit rotem Mund und blauen Augen. Hier sind mehrere Farben mit Nennfunktionen vorhanden oder das Kind möchte bestimmte Situationen, die wichtig erscheinen, auch so wiedergeben.

Das Malen als sinnliche Erfahrung

Das Zeichnen ist von seinem Wesen her analytisch, das Malen mehr emotional. Beide Richtungen sind im Kind angelegt und sollen auch gefördert werden. Doch es gibt schwerpunktmäßige Akzente in einigen Kindern. Um zu feinabgestufter, sicher beobachteter Farbdifferenzierung finden zu können, sollte man von klein auf den Umgang mit Farben als etwas Selbstverständliches empfinden. Welche Bedeutung die Farbe für unser Leben hat, weiß jeder, der bewusst in der gestalteten Umwelt und in der Natur steht. Wohnen, Mode und Werbung sind ohne Farbe nicht zu denken. Auch in der Psychologie und Medizin spielt die Farbe eine große Rolle. Diese Bereiche setzen jedoch den farbtüchtigen und farbempfindlichen Menschen voraus. Regt man Kinder zum Malen an, muss man nicht an das Künstlerische denken. Der Umgang mit Farben fördert nicht nur die Empfindlichkeit, sondern auch die Genussfähigkeit des Kindes. Es hat seine Freude daran und reagiert oft leidenschaftlich auf Farben.

Möglichst früh mit dem Malen anfangen

Schon eineinhalb bis zweijährige Kinder können mit Pinsel und Farbe umgehen, mit Fingerfarbe ohne weiteres. Auch wenn das Malen am Anfang mehr das "Fingerspitzengefühl" anspricht, so wächst das Kind doch ganz natürlich in den Umgang mit Farben hinein.

Was sind Farben?

"In dem Augenblick, da ich über die Farbe nachdenke, Begriffe bilde, Sätze setze, zerfällt ihr Duft, und ich halte mir ihren Körper in meinen Händen." (Johannes Itten)

Dieser Satz des Bauhaus-Lehrers beschreibt die Schwierigkeit, die jedem begegnet, der sich mit der Welt der Farben auseinandersetzen und sie verstehen möchte. Wir können die Farben nicht mit unserem Verstand erfassen. So sehr wir uns auch bemühen, eine eindeutige Antwort auf so eine einfache Frage wie "Was ist eine Farbe?" ist schwer zu finden.

Wir können Farben nur aus physikalischer Sicht betrachten und ihnen jeweils einen bestimmten "Schwingungswert" zuweisen. Gleichzeitig benutzen wir Farben zu alltäglichen Zwecken. Wir verlassen uns auf ihre Wirkung, wenn wir Gelb, Rot, Blau oder Ähnlich gekleidet einer Einladung folgen; wir gehorchen ihnen, wenn wir bei Grün über die Strasse gehen; wir brauchen sie, wenn wir unser Schönheitsempfinden ausdrücken möchten.

Goethe schrieb: "Im allgemeinen empfinden wir große Freude an der Farbe. Das Auge bedarf ihrer, wie es des Lichts bedarf. Man erinnre sich der Erquickung, wenn an einem trüben Tage die Sonne auf einen einzelnen Teil der Gegend scheint und die Farben daselbst sichtbar macht."

So spannt sich die Welt der Farben einen weiten Bogen, dessen eines Ende in unserem täglichen Leben wurzelt. Die Farben sind also nichts Fremdes, sie gehören in unser Leben und sind unabdingbarer Teil unseres Selbstverständnisses.

Farben in der Physik

"Kein Gegenstand hat eine bestimmte Farbe, sondern er hat sie nur, soweit Licht auf ihn fällt und ein Auge ihn wahrnimmt. In völliger Nacht fehlt ihm jegliche Farbe, und für den Blinden oder völlig Farbblinden ist er nichts weiter als grau in grau." (Ulrich Beer)1

"Farben sind Taten und Leiden des Lichts." (Goethe)

Der englische Physiker Isaac Newton (1643-1727) untersuchte als erster die Beschaffenheit und die Eigenschaften des Lichts. Durch verschiedene physikalische Experimente entdeckte er, dass sich weißes Licht, zum Beispiel das Sonnenlicht, beim Durchgang durch ein Prisma in unterschiedlich leuchtende Farben bricht. In vergleichbarer Weise entsteht auch ein Regenbogen, indem sich das Sonnenlicht in den "Prismen der Regentropfen" bricht. Eine weitere Entdeckung Newtons war, dass jede dieser "Spektralfarben" eine eigene Schwingung und somit eine unterschiedlich hohe Energie ausstrahlt. Diese Entdeckungen Newtons bildeten aber nur den Anfang für eine Reihe weiterer Untersuchungen, die die Eigenschaft der Farben, Schwingungsenergie auszusenden, umfassender beleuchteten. Denn die physikalisch messbaren Schwingungen einer Farbe bildeten nur einen Ausschnitt aus deren gesamten Schwingungsbereich, der heute durch komplizierte elektronische Messgeräte vollständig nachgewiesen werden kann. Der englische Farbforscher Theo Gimbel verglich die Schwingungsenergie der Farben mit der von Tönen. Er fand heraus, dass Farben eine höhere Schwingungsenergie als Töne besitzen und somit eine größere Wirksamkeit als Töne aufweisen.

Für Goethe können die Farben jedoch nicht vom Menschen getrennt betrachtet und untersucht werden, da sie Spiegel sind für alle Ebenen seines Seins. Die Farben nur als abstrakte, mit Hilfe unserer Sinne also nicht wahrnehmbare Schwingung zu betrachten, bezeichnete Goethe als "Irrtum".

Die Farben in der Alchimie

"Wie innen, so außen", lautet einer der wichtigsten Grundsätze der Alchimie. Goethe besaß eine ganzheitliche, alchimistische Weltsicht, unter deren Blickwinkel die Innenwelt des Menschen stets untrennbar mit seiner Außenwelt verbunden ist. Innen- und Außenwelt bilden zusammen eine Münze, die Vorder- und Rückseite besitzt - das Ich des Menschen. Alles was ein Mensch in seiner Außenwelt vorfindet, ist ein Reflex, ein Spiegelbild seiner inneren Welt. So vermag er in der äußeren Welt nichts anderes zu erkennen, als das, was in ihm und was er selbst ist.

Goethes Farbenlehre

Aus dieser Weltsicht heraus entwickelte Goethe seine Farbenlehre. Mit diesem Teil begründete Goethe den heute ausgedehnten Wissenschaftszweig der Farbpsychologie. Goethe hinterließ auch eine Reihe von "Farbbeurteilungen", die inzwischen in unserem täglichen Sprachgebrauch verankert sind, wie zum Beispiel "warme Farben" für die Farben Gelb, Rot und Orange, sowie "kalte Farben" für Blau, Türkis und Violett. Zitat aus Goethes Farbenlehre:

"Entstehen der Farbe und sich entscheiden sind eins. Wenn das Licht mit einer allgemeinen Gleichgültigkeit sich und die Gegenstände darstellt und uns von einer bedeutungslosen Gegenwart gewiss macht, so zeigt sich die Farbe jederzeit spezifisch, charakteristisch, bedeutend. Im allgemeinen betrachtet entscheidet sie sich nach zwei Seiten. Sie stellt einen Gegensatz dar, den wir Polarität nennen und durch ein Plus und Minus gut bezeichnen können.


Plus - Minus
Gelb - Blau
Wirkung - Beraubung
Licht - Schatten
Hell - Dunkel
Kraft - Schwäche
Wärme - Kälte
Nähe - Ferne
Abstoßen - Anziehen"

Farben in der Psychologie

Aus der Wechselwirkung zwischen Mensch und Farbe, sowie der Gleichheit von Eindruck und Ausdruck ergibt sich beinahe von selbst, dass die Farben, die unsere Stimmungen, Gefühle, den inneren Zustand ausdrücken, uns auch beeinflussen können. Diesen Nutzen der Farbe, zugleich Diagnose und Therapie für unsere Seele, ist heute das Handwerkszeug der Farbpsychologen.

"Die Farben, die wir an Körpern erblicken, sind nicht etwa dem Auge ein völlig Fremdes, wodurch es erst zu dieser Empfindung gleichsam gestempelt würde; nein. Dieses Organ ist immer in der Disposition, selbst Farben hervorzubringen und genießt einer angenehmen Empfindung, wenn etwas der eigenen Natur Gemäßes ihm von außen gebracht wird, wenn seine Bestimmbarkeit nach einer gewissen Seite hin bedeutend bestimmt wird. Aus der Idee des Gegensatzes der Erscheinungen, aus der Kenntnis, die wir von den besonderen Bestimmungen desselben erlangt haben, können wir schließen, dass die einzelnen Farbeindrücke nicht verwechselt werden können, dass sie spezifisch wirken und entschieden spezifische Zustände in dem lebendigen Organ hervorbringen müssen. Eben auch so in dem Gemüt. Die Erfahrung lehrt uns, dass die Farben besondere Gemütsstimmungen geben. Diese einzelnen bedeutenden Wirkungen vollkommen zu empfinden, muss man das Auge ganz mit einer Farbe umgeben, zum Beispiel ganz in einem einfarbigen Zimmer sich befinden, durch ein farbiges Glas schauen. Man identifiziert sich alsdann mit der Farbe; sie stimmt Auge und Geist mit sich unisono." (Goethe)

Farben und Stimmung

"Farben lassen uns nicht gleichgültig. Sie zeugen von Leben, Fülle und Reichtum. Sie beleben, erfüllen und bereichern uns. Farben liegen wie ein Zauber über den Dingen und sie vermögen uns zu bezaubern und zu verzaubern." (Ulrich Beer)

Selten wohl ist der psychologische Anteil an einer Erscheinung in der Natur so groß, wie es bei den Farben der Fall ist. Ihnen kann niemand neutral begegnen. Wir sind sofort gefühlsmässig ergriffen, haben Sympathie oder Antipathie, Wohlgefallen oder Ablehnung in uns, sobald wir Farben sehen. Farben sprechen nicht nur das Auge an, sondern auch die Seele und zugleich die übrigen Sinne. Sie wirken immer ganzheitlich, deshalb messen wir ihnen oft übertragene Bezeichnungen bei. Wir sprechen von "süßem Rosa", als könnte man die Farbe schmecken, von "schreiendem Rot", als ob sie zu hören sei, von einem "modrigen Grün", als könnte man es riechen, einem "weichen Blau", als könnte man es Fühlen oder einem "leichten Weiß", als hätte es Gewicht . Farben haben eine emotionelle, stimmungserzeugende Kraft, die den Menschen beeinflusst, erfreut, erschreckt, besänftigt, aufmuntert, schockiert, die Arbeitslust, Liebesbereitschaft, Schlaf, etc. erzeugen oder auch vertreiben kann. Farben prägen also unsere Umwelt, indem sie Gefühle und Reaktionen auslösen, Wünsche und Stimmungen, Interessen oder Aversionen erwecken. Durch Farben können wir unsere Gefühle ausdrücken oder wir verwenden sie, um bestimmte "Inhalte" des Lebens zu versinnbildlichen.

"Jede Farbe bedeutet einen anderen Ausschnitt dieses Lebens. Keine wirkt neutral auf uns, sondern die Erfahrung lehrt uns, dass die einzelnen Farben bestimmte Gemütszustände geben".(Goethe)

Man unterscheidet zwischen warmen und kalten Farben. Gelb- und Rottöne empfinden wir als warm, Blau- und Grüntöne als eher kühl. Auch Gewichtsqualitäten werden durch Farben ausgedrückt. Helle Farben werden als leicht, dunkle Farben als schwer empfunden. Farben sagen auf sinnliche Weise Seelisches aus und wirken auch in dieser Weise auf uns. So wie Klänge und Töne über das Ohr auf uns einwirken und uns in bestimmte Stimmungen versetzen, tun es Farben. Das Wort "Farbtöne" stellt die Gemeinsamkeiten heraus und verbindet den Komponisten mit dem Maler.

"Farben können uns wieder ganz und rund werden lassen. Schon als Kinder haben wir stundenlang selbstversunken gemalt, die Welt um uns vergessen und uns an den Farben erfreut. In der Welt der Farben konnten wir Ängste und verdrängte Gefühle ausdrücken und uns so wieder ins Gleichgewicht bringen. Farben bilden eine Brücke zwischen den unterschiedlichen Teilen unseres Menschseins. Sie helfen uns, unsere ursprüngliche Einheit von Körper, Seele und Geist wiederzugewinnen und unser Lebensgefühl zu verbessern". (Klausbernd Vollmar)

Die verschiedenen Farben

Die Farbe Gelb

"Es ist die nächste Farbe am Licht." (Goethe)

In seiner lichthaft heiteren Schwingung ist Gelb die Farbe der Kommunikation, des Austauschs und der Offenheit in der Beziehung zu anderen Menschen. Sie steht auch für Intellekt, Schnelligkeit, Klarheit, Genauigkeit, Logik, Neugierde und Pfiffigkeit. Gelb schützt vor Vereinsamung und innerer Isolation. Diese Farbe lässt keine Begrenzung zu - sie muss ausstrahlen können.

"In ihm triumphiert das Licht in der Farbe, und Farbe befreit sich lichttrunken aus jeder Bindung, verströmt über alle Grenzen, will sich ausbreiten und vervielfältigen." (Heimendahl)

So ist es verständlich, dass Gelb das Geistige symbolisiert und für Unabhängigkeit und Freiheit steht. Gelb bezeichnet den Ort, an dem sich das Bewusstsein, das Geistige bildet.

"Die Gelbfarbe führt in ihrer höchsten Reinheit immer die Natur des Hellen mit sich und besitzt eine heitere, bunte, sanft reizende Eigenschaft." (Goethe)

"So ist es der Erfahrung gemäß, dass das Gelbe einen durchaus warmen und behaglichen Eindruck mache. Diesen erwärmenden Effekt kann man am lebhaftesten bemerken, wenn man durch ein gelbes Glas, besonders in grauen Wintertagen, eine Landschaft ansieht, das Auge wird erfreut, das Herz ausgedehnt, das Gemüt erheitert, eine unmittelbare Wärme scheint uns anzuwehen." (Goethe)

"Wenn nun diese Farbe, in ihrer Reinheit und hellem Zustande angenehm und erfreulich, in ihrer ganzen Kraft aber etwas Heiteres und Edles hat, so ist sie dagegen äusserst empfindlich und macht eine sehr unangenehme Wirkung, wenn sie beschmutzt oder Einigermaßen ins Minus gezogen wird. So hat die Farbe des Schwefels, die ins Grüne fällt, etwas Unangenehmes. Wenn die gelbe Farbe unreinen und unedlen Oberflächen mitgeteilt wird, wie einem gemeinen Tuch, dem Filz oder dergleichen, worauf sie nicht mit ganzer Energie erscheint, entsteht eine solch unangenehme Wirkung. Durch eine geringe und unmerkliche Bewegung wird der schöne Eindruck des Feuers und Goldes in die Empfindung des Kotigen verwandelt, und die Farbe der Ehre und Wonne zur Farbe der Schande, des Abscheus und Missbehagens umgekehrt." (Goethe)

Goethes Auffassung gilt auch heute noch; landläufig werden auch sehr negative Energien wie Egoismus, Geiz, Neid, Eifersucht oder Wut auf Gelb bezogen. Jeder kennt die Redewendung, dass einem Menschen bei Wutausbrüchen "die Galle hochkommt". Hierbei wirkt Gelb in seiner "verzauberten" Form als eine Farbe, die negative Seiten eines Menschen ausdrücken oder diese in ihm hervorrufen kann. Gelb ist die Farbe des Sonnenlichts und damit die Voraussetzung allen Lebens; der Frühlingsblüten wie Narzissen, Tulpen, Krokusse, Schlüsselblumen, des Löwenzahns, des Ostereies und der Küken, aber auch reifen Korns, des Maises, der Kürbisse, der Bananen, Äpfel, Birnen und des Herbstlaubes. Es ist die Farbe der Zitrone, des Honigs, des Bernsteins und Goldes, aber auch die von Harn und Eiter, Wespe und Wüstensand. Dieser eigentümliche Widerspruch könnte Gelb auch zur Farbe des Neides und der Falschheit werden lassen. Gelb springt ins Auge und eignet sich als grelle Signalfarbe für Straßenschilder und Warnzeichen vor Elektrizität und Radioaktivität, als Farbe des Ölzeugs der Segler, der Postkästen und -autos, als Farbe der Blindenbinde und des Judensterns.

Die Farbe Blau

Blau steht für Intuition, Idealismus, Wahrheit, Autorität, Ruhe, Konzentration, Stabilität und Tradition. Blau ist die Farbe des weiten Himmels und der offenen See, die Farbe der Ferne und des Fernwehs, der Seefahrt, der Luftfahrt, der Sehnsucht nach dem Wunderbaren und dem Transzendenten. Blau weist eine nach innen gerichtete Bewegung auf; es führt den Betrachter zu sich selbst, zu seiner Seele. Es versinnbildlicht die Vereinigung von Ferne (Himmel) und Tiefe (Meer). Blau ist die Farbe der eigenen Mitte, der inneren Zufriedenheit und Ruhe. Es ist die Farbe, die eine gewisse Anpassungsfähigkeit, sowie Klarheit zum Ausdruck bringt. (In der Psychologie kennzeichnet Blau den ausgeglichenen, zufriedenen Menschen). Der Charakter der Kühle, Ordnung, Rationalität und Disziplin macht Blau als Uniformfarbe besonders geeignet und ist zu finden bei Bahnbeamten, der Polizei, Matrosen und Stewards. Bluejeans sind ursprünglich eine Arbeitskleidung. Blau versinnbildlicht aber auch die Finsternis:

"So wie Gelb immer ein Licht mit sich führt, so kann man sagen, dass Blau immer etwas Dunkles mit sich führe". (Goethe)

Blau ist die Farbe des Traumes und des Rausches. (Man spricht auch von "blau sein" oder "das Blaue vom Himmel lügen", "ins Blaue hineinfahren" oder vom "Blaumachen".)

Die Farbe Rot

"Rot ist eine Welt mit Sonnen, Monden, Welten, ..." (Gitta Mallasz)

Rot steht für Intuität, Hitze, Sexualität, Kraft, Mut, Kampflust, Impulsivität und Offenheit. Rot ist die Farbe der Liebe und des Blutes. Die Beschäftigung mit Rot lässt das Blut wieder warm werden, schenkt Belebung, aktiviert zu mehr Mut, Stärke, Wärme und Liebe. Rot hat nachweisbare physiologische Wirkungen: es fördert die Adrenalinausschüttung, steigert Puls, Blutdruck und Atemfrequenz, bewirkt häufigere Lidschläge und wirkt stimulierend auf das EEG. In großer Dosis kann Rot wie ein Schock wirken. Rot erleben wir als warme Farbe und wenn wir "Rot sehen", erhitzen und erregen wir uns. Rot symbolisiert die unmittelbare N"he und Dichte des Lebens. Sie ist die vitalste und zugleich gefährlichste Farbe, Rot enthält Anziehung und Warnung zugleich. Rote Fähnchen zeigen Gefahr oder einen Unfallort an, die Schluss- und Warnlichter der Autos sind rot, die Feuermelder und Hydranten, sowie Wagen, in denen man explosive Stoffe transportiert. Rot ist das Zeichen der Herrschaft und Pracht, sowie die Farbe des Aufruhrs und der Revolution. Es gilt auch als Farbe der Sünde, der blinden Leidenschaftlichkeit und der zerstörerischen Gewalt, wodurch eine Paradoxie innerhalb der Farbe entsteht.

Die Farbe Grün

Grün steht für Traum, Hoffnung, Liebe, Zärtlichkeit, Empfindlichkeit, Jugend, Natürlichkeit und künstlerisches Talent. Grün ist die Farbe der Wiesen und Wälder, bedeutet Ausgleich und Milderung, Normalität und Natürlichkeit. Es ist die Farbe der Ruhe und gleicht inmitten der bunten Farben einer Oase. Es ist zum Ausruhen da, eine Farbe der speichernden Lebensstoffe, der Vitamine, Erfrischung und Gesundheit. Grün ist die Farbe der Jugend und Hoffnung, auch der Unerfahrenheit, wenn man von einem "Greenhorn" oder einem "grünen Jungen" spricht. Grün ist auch die Farbe der Fruchtbarkeit und wird immer schon mit Frühling und Ostern verbunden. Im Christentum erinnert der Palmsonntag an den Palmzweig, mit dem Jesus in Jerusalem einzog. Am Gründonnerstag gibt es oft grüne Speisen wie zum Beispiel Spinat zu essen.

Die Farbe Orange

Orange ist die Mischung aus den Farben Rot und Gelb. Es steht für Gefühl, Lebhaftigkeit, Großzügigkeit, Reichtum, Freundschaft, Überfluss, Sinnlichkeit und Glamour. Orange wird als festlich, freudig, erwärmend, als die Farbe des hellen Überflusses bezeichnet. Ihre sonnenhafte Leuchtkraft und ihre warme, aktive Energie werden hervorgehoben. Diese Farbe überstrahlt andere Farben mühelos.

"Da sich keine Farbe als stillstehend betrachten lässt, so kann man das Gelbe sehr leicht durch Verdichtung und Verdunklung ins Rötliche steigern und erheben. Die Farbe wächst an Energie und scheint im Rotgelben mächtiger und herrlicher. Alles, was wir vom Gelben gesagt haben, gilt auch hier, nur im höheren Grade. Das Rotgelbe gibt eigentlich dem Auge das Gefühl von Wärme und Wonne, indem es die Farbe der höhern Glut sowie den milden Abglanz der untergehenden Sonne repräsentiert... Das angenehme heitere Gefühl, das uns das Rotgelbe noch gewährt, steigert sich bis zum unerträglich Gewaltsamen im hohen Gelbroten. Die aktive Seite ist hier in ihrer höchsten Energie, und es ist kein Wunder, dass energische, gesunde, rohe Menschen sich besonders an dieser Farbe erfreuen." (Goethe)

Häufig wird die Farbe Orange verwendet, um die Wirkung des Gelb als Signalfarbe noch zu steigern, zum Beispiel bei der Kleidung von Strassen- und Müllarbeitern. Auch die orangefarbenen Hütchen bei Bauarbeiten auf der Strasse sind auffällig.

Die Farbe Violett

Violett ist die Mischung aus Blau und Rot. Es steht für Willen, Macht, Religion, Mysterium, Transzendenz, Begeisterung, Qualität und Zauberkunst. Im Violett stoßen sehr entgegengesetzte Gefühlswerte zusammen, denen des Blau und des Rot. Die Elemente der Ruhe und Aktivität, der Ideale und Affekte, des Irdischen und des Himmlischen. Dabei hat das Violett zwischen dem Blau und dem Rot einen eigenen Wert. Violett wird dem Meditieren zugeordnet. In der Kirche spielt diese Farbe eine große Rolle, vor allem für Passion, Busse und Opfer. Rausch und Vergessen sollen sich in Violett vereinen, Melancholie soll von ihm ausgehen. Es wird als eigenwillig und extravagant empfunden, andererseits als Farbe des Ausgleichs und des Maßes, der Besonderheit und Innenschau. Violett ist in besonderer Weise der Mode unterworfen. In manchen Zeiten wird es als angenehm empfunden und abgelehnt, in anderen als schick und erstrebenswert. Die Theologin und Psychotherapeutin Ingrid Riedel weist darauf hin, dass violette Blumen an den jahreszeitlichen Übergängen blühen. Veilchen oder Flieder ganz früh, Herbstzeitlose oder Früchte und Gemüse wie Pflaumen, Blaukraut und Auberginen ganz spät. Durch die Vereinigung der Gegensätze wird Violett zum Symbol des "Weibmännlichen" und bietet sich darum als Farbe der feministischen Bewegung besonders an.

Die Farbe Weiss

Weiß ist die Farbe des Anfangs, der Unschuld und des Ursprungs aller Farben. Es erscheint als Inbild von Reinheit und Klarheit. Alles, was sauber und steril wirken muss, wie zum Beispiel in Waschsalons und Krankenhäusern, erscheint gewöhnlich in Weiß und erweckt damit den Eindruck von makelloser Hygiene und Sauberkeit. Auch in der Werbung spielt Weiß beim Rein- und Sauberwaschen eine große Rolle. Das Silber des Haares ist im Alter ein Zeichen von Vollendung und Weisheit. Weiß ist ein Symbol der Fruchtbarkeit: das Ei und die Milch sind weiß. Mehl und Salz gelten als lebensspendend. Die Farbe Weiß spielt auch in der Kirche eine wichtige Rolle. Nicht nur bei der Hochzeit, sondern auch bei Taufe, Firmung und Erstkommunion sind die Kleider weiß. Weiß kann nichtssagend sein, weil es keine Farbe enthält, es kann aber auch überaus heiter wirken, weil es alle Farben hervortreten lässt und das Licht zurückgibt. Es entsteht eine Paradoxie, weil Weiß die vollendete Fülle, aber auch die absolute Leere sein kann.

Die Farbe Schwarz

Schwarz ist die Farbe der Nacht und die Farbe des Todes, es gilt als Trauerfarbe. Es ist die intensivste und dichteste Farbe voller Geheimnis. Es ist die Farbe des Urchaos und des Unbewussten, des Zaubers, der Unterwelt. Es kennzeichnet die Abwendung vom Vitalen und Ordinären als Farbe der Talare bei Professoren, Pastoren und Richtern sowie Anwälten. Hier soll der Ernst des Amtes und der Institution ausgedrückt werden, die, von verschiedenen Erscheinungen und Meinungen unabhängig, konsequent Recht und Moral vertreten müssen. Gleichzeitig symbolisiert das Schwarze auch das Verbotene und Negative: Schwarzarbeit, Schwarzhandel oder schwarze Messe, schwarzes Schaf, schwarze Seele, schwarze Magie und Schwarzer Peter. Wird man bei etwas ertappt, folgt das Anschwärzen. Kandinsky schreibt zu Schwarz: "Wie ein Nichts durch das Erlöschen der Sinne, wie ein ewiges Schweigen ohne Zukunft und Hoffnung klingt innerlich das Schwarz."

Die Farbe Braun

Es ist die Farbe von Erde und Ton. Viele Tiere haben braunes Fell, aber auch Ess- und Trinkbares wie Brot und Kuchen, Schokolade, Kaffee und Tee sind braun. Im Gegenteil dazu auch die menschlichen und tierischen Exkremente. Als braune Kutte, Büßer- und Bettelgewand ist es die Farbe von Kargheit, Armut und Demut. Braun kann beruhigen, aber auch deprimieren, dämpfen und drücken. Bei der Farbmischung entsteht Braun, wenn Mischfarben untereinander oder eine Misch- und eine Grundfarbe gemischt werden.

Quellenangaben

Klausbernd Vollmar, "Farben- ihre natürliche Heilkraft", Gräfe und Unzer Verlag GmbH München, 1991
Ulrich Beer, "Was Farben uns verraten", Kreuz Verlag Stuttgart, 1195
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